Gastvortrag von Prof. Dr. Uwe Wirth (Justus-Liebig-Universität Gießen)
Fortpflanzen und Verpflanzen um 1800: Überlegungen zum 'Prinzip Pfropfung' in Goethes Die Wahlverwandtschaften und E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann
Zeit: 13.05.2026, 18:30 Uhr
Ort: SR 24.K3 (Mozartgasse 8, 1.UG)
Am Ausgangspunkt meiner Fragestellung steht eine Behauptung von François Jacob, der in seinem Buch Die Logik des Lebenden behauptet, um 1800 vollziehe sich eine Transformation des Konzepts der Zeugung, hin zu einem Konzept der Reproduktion. In diesem Zusammenhang nimmt – so meine These – die Hortikulturtechnik der Pfropfung eine besondere Position ein: Sie wird zu einer Figur, in der eine neue, dem Konzept Reproduktion gehorchende 'Logik des Lebenden' zum Ausdruck kommt. Dies lässt sich mit Blick auf Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften (1809) zeigen, der mit einer der berühmtesten Pfropf-Szenen der deutschsprachigen Literatur beginnt. Auch in E.T.A. Hoffmanns Erzählung Der Sandmann (1816) werden wir mit der Frage nach der Logik des Lebenden konfrontiert, und zwar gleichermaßen bezogen aufs Fortpflanzen und aufs Verpflanzen im Modus eines quasi-hybriden "coupling between organism and machine" sensu Haraway. Zu prüfen gilt (und das möchte ich im Rahmen meines Vortrags tun), ob auch hier so etwas wie ein 'Prinzip Pfropfung' am Werk ist.
Uwe Wirth ist seit 2007 Professor für Neuere deutsche Literatur und Kulturwissenschaft an der Liebig-Universität Gießen. Davor hat er in Berlin am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung und in Frankfurt an der Goethe-Universität geforscht, gelehrt und gearbeitet.
Seine Forschungsinteressen sind Theorien der Autorschaft (z.B.: Die Geburt des Autors aus dem Geist der Herausgeberschaft, Fink-Verlag 2008) und des Humors (z.B.: Komik. Ein interdisziplinäres Handbuch, Metzler 2017) sowie Konzepte der Kultur (z.B.: Performanz, Suhrkamp-Verlag 2002).
2025 ist ein Buch: Pfropfung. Eine Theorie der Kultur im S. Fischer-Verlag erschienen, in dem er die Pfropfung als Konzeptmetapher für kulturelle, epistemische, poetische und medientechnische Prozesse untersucht. Die Analyse umfasst die historischen und theoretischen Verwendungen der Pfropfung, beginnend mit ihrer botanischen Praxis als Kultivierungstechnik, und erweitert sie auf kulturelle Phänomene wie kulturelle Hybridität, Kolonisierung und Übersetzung.
Eine Kooperation des Instituts für Germanistik, des Doktoratsprogramms "Transformationen des Humanen" und des Doktoratsprogramms “Kultur – Text – Handlung”.